„Kupferblut 1 – Reiter der Steppe“ von Julia Lalena Stöcken

Werbung | Rezensionsexemplar |
Bei diesem Roman hat mich die Zeit und der Ort neugierig gemacht, in der die Geschichte spielt. Ich weiß gar nicht, ob ich mit einem Roman überhaupt schonmal so weit zurückgereist bin. Mit Filmen ja, aber nicht mit Büchern. Und wenn dann eher nach Ägypten, aber nicht nach Osteuropa.

Klappentext
3000 v. Chr. – Die Kupferzeit in Osteuropa: Eigentlich leben die Menschen der Ebene friedlich zusammen, doch in letzter Zeit kommt es zwischen den Clans immer wieder zu blutigen Kämpfen. Bei einem solchen Überfall geraten die junge Ljuba und ihre Schwester in die Gefangenschaft des Schwarzen Fürsten Karan, der mithilfe seines Hauptmanns Cuska und dessen gefürchteten Kriegern die anderen Stämme in Angst und Schrecken versetzt. Um ihre Schwester zu schützen, geht Ljuba notgedrungen einen Handel mit Karan ein. Demütigung und Schmerz erwarten sie daraufhin beim Schwarzen Clan – bis sie plötzlich Hilfe von dem schweigsamen Hauptmann erhält. Doch kann sie ihm vertrauen?

| Julia Lalena Stöcken | Kupferblut 1 – Reiter der Steppen | 505 Seiten | Erschienen 11.2020 im dp Verlag |

Die Geschichte wird aus mehreren Sichten erzählt, was mir gut gefiel. So bleibt man bei den verschiedenen Stämmen und erfährt etwas über die verschiedenen Lebensweisen. Insbesondere weil die Autorin die Herstellungsweisen zur damaligen Zeit erläutert und man als Leser:in so erfährt, wie zum Beispiel Kleidung, Waffen oder auch Nahrung hergestellt werden. Dabei webt die Autorin ihre Erklärungen geschickt in die Story ein, sodass ich nicht aus dem Lesefluss bzw. der Geschichte herausgerissen wurde.

Am Anfang findet ein kleiner Zeitsprung statt, durch den wir die Motivation von Karan erfahren, weshalb er einen solchen Hass auf den Graslandclan hat und wieso er Jahre später den Überfall, bei dem Ljuba und ihre Schwester in seine Gewalt geraten, befiehlt. Je mehr ich über Karan erfuhr, desto weniger konnte ich ihn leiden. Aber das ging mir nicht nur bei ihm so. Auch Personen aus Ljubas Familie büßten immer mehr Sympathiepunkte ein, obwohl ich deren Handlungen durchaus durch ihre Charakterdarstellung nachvollziehen konnte.

Ljuba, unsere Protagonistin, hatte einen guten Start. Genauso wie Cuska, unser männlicher Protagonist. Allerdings gab es irgendwann einen Zeitpunkt, an dem ich das Gefühl hatte, dass über Ljuba alles gesagt wurde. Sie wurde etwas blass im Vergleich zu Cuska und anderen Nebenpersonen, über die ich im letzten Drittel sehr viel Neues durch allerlei Wendungen erfuhr.

Aber auch vor dem letzten Drittel, bei dem einige Geheimnisse endlich aufgedeckt werden, mit denen ich so gar nicht gerechnet hat, ist die Geschichte spannend angelegt. Vor allem die Frage, wie die einzelnen Stämme handeln und reagieren werden, hat mich interessiert. Aber auch die Ljubas Einfinden in eine völlig neue Rolle, in eine Person, die auf einmal nicht mehr frei, sondern Sklavin ist, fand ich sehr spannend.

Schon im Klappentext wird ja deutlich, dass es nicht nur um Stammeskriege gehen wird, sondern sich auch eine Liebesgeschichte entwickelt. Allerdings ist diese bei mir nicht als romantische Liebesgeschichte angekommen. Vielleicht bin ich da etwas zu streng oder durch andere Literatur vorbelastet, aber durch die Dinge, die Ljuba beim Schwarzen Clan erlebt, habe ich die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass sich das Stockholm-Syndrom bei ihr entwickelt. Daher fand ich ihre Liebesgeschichte interessant und die Entwicklung ihrer Gefühle auch nachvollziehbar, aber eben nicht romantisch. Daher gefiel es mir auch, dass diese eben nicht in den Mittelpunkt gezerrt wurde.

Was mir dagegen absolut überhaupt nicht gefiel war, wie das Thema Vergewaltigung dargestellt wurde. Zum einen gab es keine Triggerwarnung. Ich weiß, dass wird gerade heiß diskutiert, aber Vergewaltigung gehört für mich einfach zu den Themen, auf die man Hinweisen sollte. Sei es, dass es im Klappentext auftaucht oder eben eine Triggerwarnung am Anfang des Buches zu finden ist. Zum anderen wurden für mich die psychischen Folgen nicht ausreichend dargestellt. Ich habe die ganze Zeit auf den Zusammenbruch gewartet. Auf irgendwas großes Emotionales. Jemanden als Protagonisten zu wählen, der unglaublich viel aushalten und erstmal in den Hintergrund drängen kann, weil es ums Überleben geht, ist für mich absolut ok. Aber auch bei diesen Charakteren muss es meiner Meinung nach einen Punkt geben, an dem zu viel zusammenkommt und es einfach nicht mehr geht. Und diesen Punkt habe ich nicht erleben können.

Fazit: Ein Buch mit einer interessanten Geschichte, die durch ihre Wendungen und Geheimnisse immer wieder überraschen konnte. Der weibliche Portagonist verblasst zum Ende hin, während der männliche erst dort sein Ich wirklich begann zu zeigen. Die Auseinandersetzung mit Vergewaltigung ist für mich der ausschlaggebende Punkt, dass ich das Buch in die Kategorie „Geschmackssache“ einordne, weil das für mich persönlich nicht gut eingebaut wurde und dadurch der betroffene Charakter an Glaubwürdigkeit verlor.